Den ganzen Tag funktionierst du. Du stehst deine Termine durch, kümmerst dich um Arbeit, Familie, Haushalt und hältst alles zusammen. Du bist diszipliniert, verlässlich, stark. Und dann wird es Abend. Die Tür fällt zu, es wird still – und wie von selbst wandert die Hand zur Schublade, zum Kühlschrank, zur Schokolade. Nicht, weil du Hunger hast. Sondern weil endlich niemand mehr etwas von dir will.
Wenn du das kennst, bist du nicht schwach. Du erlebst etwas sehr Verbreitetes: Frustessen am Abend. Und es folgt einer Logik, die viel tiefer geht als „zu wenig Disziplin“. In diesem Beitrag erzähle ich dir – anhand der Geschichte eines Mannes, den ich begleitet habe – warum die Kontrolle ausgerechnet abends kippt, und was wirklich hilft.
Warum gerade am Abend?
Tagsüber sind wir beschäftigt. Arbeit, Aufgaben, andere Menschen lenken uns von unseren eigenen Gefühlen ab. Wir kontrollieren, funktionieren, leisten. Doch sobald es abends ruhig wird, kommen die Gefühle, die den Tag über keinen Platz hatten, mit voller Kraft hoch: die Müdigkeit, der Frust, die Leere, die Anspannung.
Und dann sucht der Körper das Schnellste, was ihn beruhigt. Etwas Süßes, etwas Fettiges – es wirkt sofort, für einen Moment. Frustessen am Abend ist also kein Zufall. Es ist der Moment, in dem der ganze Druck des Tages ein Ventil sucht.
Die Geschichte eines Mannes, der tagsüber alles im Griff hatte
Ein Klient, ein erfolgreicher Unternehmer, kam zu mir mit einem Muster, das er an sich selbst nicht verstand. Tagsüber beherrschte er sich mit eiserner Disziplin – seine Ernährung, seine Arbeit, alles. Abends aber, allein zu Hause am Tisch, aß er weit über jeden Hunger hinaus. Er selbst nannte es „Berge essen“.
Auf den ersten Blick sah das nach reinem Stressessen aus. Aber als wir tiefer schauten, tauchte ein Bild aus seiner Kindheit auf.
Der Tisch, an dem er nie genügte
Als Junge saß er abends am Familientisch neben seinem Vater – und wurde dort ständig kontrolliert und korrigiert. Wie er saß, wie er aß, was er schon wieder falsch machte. Es gab immer etwas. Und trotzdem liebte dieser Junge seinen Vater und wünschte sich nichts sehnlicher als ein „Gut gemacht“, das nie kam.
Aus dem Jungen wurde ein Mann, der alles im Griff hatte – vielleicht zu sehr. Der beweisen wollte, dass er gut genug ist. Tagsüber funktionierte dieses System beinahe perfekt. Bis der Abend kam.
Denn abends saß er wieder an einem Tisch. Nur war jetzt kein Vater mehr da. Niemand beobachtete ihn. Niemand sagte ihm, wie er zu essen hat. Niemandem musste er gefallen.
Der Ort, an dem er als Kind am wenigsten frei war, wurde als Erwachsener der einzige, an dem er sich ganz frei fühlte.
Das Essen war nicht einfach Nahrung. Es war Freiheit. Es war das leise „Jetzt bestimme ich“, das der Junge nie hatte sagen dürfen.
Frustessen am Abend ist keine Willensschwäche
Vielleicht spürst du jetzt, warum kein „Reiß dich zusammen“ hier je funktioniert. Im Gegenteil: Je strenger wir uns tagsüber beherrschen, desto heftiger bricht abends der Damm. Kontrolle und Kontrollverlust sind keine Gegensätze – sie sind zwei Seiten derselben Medaille.
Wer sich also vornimmt, „ab morgen wirklich diszipliniert“ zu sein, dreht die Spirale nur fester. Mehr Kontrolle am Tag bedeutet mehr Druck am Abend. Und der Kreis beginnt von vorn – derselbe Kreis, aus dem auch keine Diät je hinausführt. Warum das so ist, habe ich hier beschrieben: Warum Diäten nicht funktionieren.
Wenn du dieses Muster kennst – tagsüber hast du alles im Griff, nur beim Essen nicht –, dann steckt oft mehr dahinter als eine schlechte Angewohnheit. Mehr dazu liest du in meinem Beitrag Selbstsabotage beim Abnehmen – und, wenn du tiefer gehen möchtest, in Weg aus der Trauma-Selbstsabotage.
Was bei Frustessen am Abend wirklich hilft
Der Ausweg ist nicht mehr Disziplin. Er beginnt mit anderen Fragen:
- Was muss ich den ganzen Tag in mir kontrollieren?
- Wem will ich eigentlich noch immer beweisen, dass ich gut genug bin?
- Und was gibt mir dieser Abend, das ich mir tagsüber nicht erlaube?
Bei den meisten lautet die Antwort: Freiheit. Ruhe. Ein Moment, in dem nichts geleistet werden muss. Das Essen ist oft nur der einzige Weg, den der Körper dafür kennt. Wenn du anfängst, dir diese Freiheit auch anders zu schenken – kleine Momente am Tag, in denen du nichts musst –, verliert der Abend seine Dringlichkeit.
Übrigens hat Frustessen am Abend viele Geschwister. Manchmal ist es nicht Frust, sondern Einsamkeit, die uns zur Schublade greifen lässt. Darüber habe ich hier geschrieben: Essen aus Einsamkeit.
Ein kleiner Schritt für heute Abend
Wenn deine Hand heute Abend nach etwas greift, halte einen Atemzug lang inne und frag dich nicht „Darf ich das?“, sondern: „Was suche ich hier gerade wirklich?“ Vielleicht ist es Ruhe. Vielleicht Freiheit. Vielleicht einfach ein Moment, in dem niemand etwas von dir will. Du darfst danach trotzdem essen. Aber das zu wissen, ist der erste Schritt aus dem Kreis.
Du musst da nicht allein durch
Frustessen am Abend ist kein Charakterfehler. Es ist ein kluger, alter Selbstschutz, der dir Freiheit verschaffen wollte – nur auf einem Weg, der dich am Ende belastet. Du darfst ihm danken. Und du darfst lernen, dir diese Freiheit anders zu geben.
Genau das schauen wir uns in meiner Begleitung gemeinsam an: nicht den Teller, sondern dich – deinen Tag, deine Abende, das, wonach du wirklich hungerst. Als Ernährungsberaterin und Coach arbeite ich ganzheitlich, mit dem ganzen Menschen. Wenn du magst, lernen wir uns in einem kostenlosen Erstgespräch kennen. Ganz ohne Druck.
Und du?
Kennst du diesen Moment, wenn es abends still wird? Schreib mir gern in die Kommentare, was dich abends zur Schublade führt. Manchmal ist schon das Aussprechen der erste Schritt.












