Du kennst die Szene. Du hast dir am Morgen etwas vorgenommen. Du meinst es ernst. Und am Abend stehst du in der Küche und tust das Gegenteil – mit einer Hand, die sich anfühlt, als gehöre sie jemand anderem. Oder umgekehrt: Du willst zunehmen, hast dir den Teller vollgemacht, und etwas in dir schiebt ihn weg, bevor du den ersten Bissen nimmst.
Zwei Willen. In einem Menschen. Und der, der abends gewinnt, ist nie der, den du am Morgen kanntest.
Dieses abendliche Muster kennen viele – warum gerade der Abend so oft zur Herausforderung wird, liest du in meinem Beitrag über Frustessen am Abend.
Die meisten nennen das Selbstsabotage. Ich möchte dir in diesem Beitrag zeigen, warum das das falsche Wort ist – und wer dieser zweite Wille wirklich ist.
Was wir nicht haben dürfen, verschwindet nicht
Es gibt eine Beobachtung, die so alt ist wie die Menschheit, und die der Philosoph Ken Wilber – nach C. G. Jung – in ein einziges Wort gefasst hat: Schatten.
Die Idee ist einfach. Alles, was wir an uns nicht haben dürfen, verschwindet nicht. Es geht nur aus dem Licht. Die Wut, die ein Mädchen nicht zeigen durfte. Das Bedürfnis, das „zu viel“ war. Das Nein, das nie erlaubt war. Oft sind es auch alte Sätze aus der Kindheit, die uns geprägt haben – welche Glaubenssätze beim Essen heute noch mit uns essen, habe ich in einem eigenen Beitrag beschrieben. Die Trauer, für die keine Zeit war. All das wird nicht gelöscht. Es wird in den Keller geschickt. Und von dort aus arbeitet es weiter – unsichtbar, und meistens in einer Form, die wir nicht mehr als unsere eigene erkennen.
Was wir nicht anschauen, schaut uns an. Als Symptom. Als Muster. Als der Teil, der abends die Tür zum Kühlschrank öffnet.
Der Schatten ist dabei nicht das Böse in dir. Er ist das Verbannte in dir. Nicht deine schlechten Anteile – deine für schlecht gehaltenen. All das, wovon man dir einmal gesagt hat: So darfst du nicht sein.
Warum „Selbstsabotage“ das falsche Wort ist
Niemand in dir sabotiert dich. Das ist der Satz, den ich meinen Klientinnen am häufigsten sage, und er verändert oft alles.
Ein Teil von dir, den du vor langer Zeit in den Keller geschickt hast, holt sich, was ihm zusteht – auf die einzige Art, die ihm noch bleibt. Und je fester du die Kellertür zuhältst, desto lauter klopft er. Genau darum funktionieren Verbote und Disziplin so schlecht: Sie halten die Tür zu. Der Schatten aber wird nicht dadurch gefährlich, dass er da ist. Er wird gefährlich dadurch, dass wir ihn nicht kennen. Ein verbannter Teil hört nicht auf zu handeln – er handelt nur weiter, ohne uns zu fragen.
Besonders eines dieser verbannten Gefühle sitzt bei sehr vielen Frauen am Tisch: die Wut. Wir haben als Mädchen gelernt, sie nicht zu zeigen. Lieb sein, nett sein, nicht laut werden. Die Wut ist nicht verschwunden – sie hat nur den Ort gewechselt. Sie sitzt jetzt in der Hand, die abends weiterisst. In dem Bissen, den man sich „endlich“ nimmt. In dem Trotz, der sich nicht mehr verbieten lässt.
Wenn das Essen dann zum Ventil oder Trost wird, sitzt oft ein alter Schmerz dahinter – mehr dazu in meinem Beitrag über Essen als Trost.
Der Unternehmer, der abends Berge aß
Ich erinnere mich an einen Klienten, wie ich sie oft erlebe – ein erfolgreicher Unternehmer, diszipliniert, tagsüber vollkommen kontrolliert. Er aß den ganzen Tag fast nichts. Und abends, allein am Tisch, aß er Berge. Nicht aus Hunger. Er konnte nicht aufhören, und er verstand es nicht: „Ich habe mein Leben im Griff. Warum nicht das?“
Wir haben nicht bei seinem Abendessen angefangen. Wir haben gefragt, wer da abends am Tisch sitzt. Und nach und nach kam ein anderer Mann zum Vorschein – einer, der den ganzen Tag funktionierte, für alle stark war, nie Nein sagte, nie zeigte, dass ihm etwas zu viel war. Alles, was er tagsüber wegräumte – die Erschöpfung, den Ärger über Leute, die ihn ausnutzten, das Bedürfnis, einfach einmal versorgt zu werden –, holte sich abends sein Recht. Auf die einzige Art, die noch übrig war. Der Teller war nicht das Problem. Der Teller war der Ort, an dem sein Schatten endlich sprechen durfte.
Als er das sah, sagte er etwas, das ich nicht vergessen habe: „Ich dachte, ich bin abends schwach. Dabei bin ich abends zum ersten Mal ehrlich.“
Was der Schatten für dich tut – und warum du ihn festhältst
Hier kommt der Teil, der überrascht. Man könnte fragen: Warum sollte jemand ein Muster festhalten, das ihm wehtut? Die Antwort ist nicht, dass etwas mit dir nicht stimmt. Die Antwort ist: Das Muster tut etwas für dich.
Es gibt dir Identität – wer seit dreißig Jahren „die mit dem Gewicht“ ist, weiß, wer sie ist. Es gibt dir eine Erklärung für alles, was nicht gelingt. Es gibt dir Schutz – denn wer nicht gesehen wird, wird nicht verletzt. Und es gibt dir eine Zukunft: Solange das Gewicht das Problem ist, gibt es ein Danach. „Wenn ich erst abgenommen habe, fängt das Leben an.“ Ohne das Muster müsste das Leben jetzt anfangen. Und das ist beängstigend.
Der Schatten ist also nicht dein Feind. Er ist der Teil von dir, den du am längsten nicht angeschaut hast – und der trotzdem, auf seine krumme Art, versucht, dich zu schützen. Wie das mit dem Körper zusammenhängt, der manchmal aus gutem Grund am Gewicht festhält, habe ich in einem eigenen Beitrag beschrieben: warum nehme ich nicht ab. Und warum das, was wir „Selbstsabotage“ nennen, meist genau dieser verbannte Teil ist, liest du hier: Selbstsabotage beim Abnehmen.
Kann dein dunkelster Anteil dein bester Lehrer sein?
Es klingt fast wie ein Widerspruch. Wir sind es gewohnt, das Dunkle in uns loswerden zu wollen – nicht auf es zu hören. Und doch: Vielleicht liegt gerade in dem, was du am wenigsten an dir sehen willst, etwas, das du am dringendsten brauchst.
Denn der Schatten trägt oft genau die Kraft, die dir fehlt. Die verbannte Wut ist auch die Kraft, Grenzen zu setzen. Das verbannte Bedürfnis ist auch die Fähigkeit, sich versorgen zu lassen. Das verbannte Nein ist auch die Freiheit, nicht alles mitzumachen. Wer seinen Schatten nur bekämpft, verliert mit ihm auch diese Kraft. Wer ihn anschaut, bekommt sie zurück.
Diesen Frieden mit sich selbst – auch mit dem eigenen Körper – habe ich im Beitrag Frieden mit dem Körper beschrieben.
Deshalb arbeite ich nicht gegen den Schatten, sondern mit ihm – als integrale Coach schaue ich auf den ganzen Menschen: auf das, was im Licht steht, und auf das, was im Keller sitzt. Denn beides bist du. Und die Frau, die abends am Kühlschrank steht, ist nicht die Schwache. Sie ist oft die Ehrlichere.
Ein erster kleiner Schritt
Beim nächsten Mal, wenn abends die Hand zum Kühlschrank geht – halte einen einzigen Moment inne. Nicht, um dich zu stoppen. Sondern um zu fragen: Wer bist du? Was durftest du heute nicht? Welches Gefühl hast du den ganzen Tag weggeräumt? Vielleicht bekommst du keine Antwort. Aber du hast zum ersten Mal die Kellertür einen Spalt geöffnet – und das ist mehr, als jedes Verbot je geschafft hat.
Häufige Fragen zu unterdrückten Gefühlen und Essen
Warum esse ich abends das Gegenteil von dem, was ich mir morgens vorgenommen habe?
Weil in dir zwei Willen wirken: der bewusste vom Morgen und ein verbannter Teil, der abends, wenn die Kontrolle nachlässt, sein Recht holt. Das ist keine Schwäche, sondern ein Zeichen, dass etwas in dir tagsüber nicht gesehen wird.
Was ist der „Schatten“ beim Essen?
Der Begriff stammt von C. G. Jung und wurde von Ken Wilber weitergeführt: alles, was wir an uns nicht haben durften – Wut, Bedürftigkeit, das Nein – und deshalb verdrängt haben. Es verschwindet nicht, sondern zeigt sich indirekt, oft beim Essen.
Ist emotionales Essen Selbstsabotage?
Nein. Niemand in dir sabotiert dich. Ein verbannter Teil holt sich, was ihm zusteht, auf die einzige Art, die ihm bleibt. Verbote verstärken das – weil sie die Tür nur fester zuhalten.
Welche Gefühle stecken am häufigsten hinter dem Essen?
Sehr oft Wut – besonders bei Frauen, die früh gelernt haben, sie nicht zu zeigen. Außerdem Trauer, Erschöpfung und unterdrückte Bedürfnisse nach Ruhe, Nähe oder Anerkennung.
Wie fange ich an, meinen Schatten zu erkennen?
Nicht mit Kampf, sondern mit Neugier. Wenn die Hand abends zum Essen greift, frag: Was durfte ich heute nicht fühlen? Schon diese Frage öffnet die Kellertür einen Spalt. Wenn die Muster tief sitzen, hilft eine Begleitung, die den ganzen Menschen anschaut.
Du musst den Keller nicht allein öffnen
Den eigenen Schatten zu erkennen, ist eine der lohnendsten und zugleich schwierigsten Aufgaben – gerade weil wir ihn per Definition nicht sehen. Genau dabei begleite ich Menschen: mit einem integralen Blick auf den ganzen Menschen, auf das Licht und den Keller, auf die Frau vom Morgen und die vom Abend. Wenn du spürst, dass abends jemand anderes am Tisch sitzt, dann lass uns in einem kostenlosen Erstgespräch gemeinsam hinschauen – ohne Urteil.
Ich schreibe außerdem gerade an einem Buch über die Sprache des Körpers – auch über den Schatten, der mit am Tisch sitzt, und darüber, was er uns beibringen will. Das Buch erscheint bald. Wer in meinem Newsletter ist, erfährt als Erste/r, sobald es so weit ist – hier kannst du dich eintragen.
Und du?
Welches Gefühl räumst du tagsüber am gründlichsten weg – und wo taucht es abends wieder auf? Schreib es mir gern in die Kommentare.












